Eistaucher - Einer der eindrucksvollsten Vögel Islands

Anfang Juni, im isländischen Frühsommer 2013 nehme ich an einer aussergewöhnlichen Reise durch Island mit Schwerpunkt Vogelbeobachtung teil. Es wird eine rundum geglückte Reise mit traumhaft schönem Wetter in der wunderbaren Landschaft. Und ich entdecke für mich einen der beeindruckendsten Vögel Europas, den Eistaucher (Gavia immer). Er ist im nördlichen Nordamerika relativ weit verbreitet, in Europa jedoch, abgesehen von vereinzelt im Winter in Mitteleuropa auftauchenden Exemplaren, praktisch nur in Island und Grönland anzutreffen.

 

Die erste Begegnung

Obwohl wir sehr viele verschiedene isländische Vogelarten wie z. B: Goldregenpfeifer, Sterntaucher oder Papageitaucher sehen und fotografieren werden, ist dieser Artikel ausschließlich dem Eistaucher gewidmet. Im Winter 2014 werde ich viele Kilometer an den Hafenkanten entlang nach dem Eistaucher suchen, er hält sich an der Küste auf und besucht gern die Häfen. Allerdings habe ich keinen Erfolg, erst im Sommer 2016 werde ich wieder Eistaucher beobachten. Unter anderem stammt das Bild vom Eistaucher im Gras von dieser Reise im Juni 2016.

 

Das erste Foto ist eines der schönsten, es zeigt ihn in Bewegung, kurz vor dem Abtauchen steckt der Eistaucher den Kopf ins Wasser um nach Fischen zu spähen.

Die Silhouette des Eistauchers unterscheidet sich sehr von derjenigen des etwas kleineren Sterntauchers (Gavia stellata, links). Dieser schwimmt typischerweise mit geradem Hals, erhobenem Kopf und leicht nach oben zeigender Schnabelspitze.

Junge Eistaucher ziehen hin und wieder in kleinen Trupps herum. In der Nähe von Reykholt sehen wir fünf Eistaucher auf einem kleinen See. Sie tauchen abends auf und sind am nächsten Morgen leider nicht mehr da. Auch die beiden Eistaucher im Eyjafjördur brüten in diesem Jahr (noch) nicht.

Der Eistaucher zeigt uns seine verschiedenen Fortbewegungsstile

Das Wetter während der Vogelreise 2013 ist nicht nur angenehm, es sorgt auch dafür, dass die Aufnahmen mit meiner vergleichsweise einfachen Fotoausrüstung, ich verwende nur eine Kompaktkamera, überhaupt möglich werden. Die meisten Fotos vom Eistaucher sind mit 600 mm und mit einer Belichtungszeit von 1/1000 Sekunde entstanden. Wer hin und wieder in der Natur unterwegs ist, weiß, dass man für solch ideale Bedingungen dankbar sein muss und schon fast verpflichtet ist, die Fotos auch zu schießen.

Wir haben den folgenden Eistaucher am Myvatn bei einer kleinen Wanderung eher zufällig entdeckt. Bevor ich jedoch dazu komme, auf den Auslöser zu drücken, taucht der Eistaucher ab und schwimmt einen Bach entlang. Das folgende Tauch-Foto, ist zwar durch die Brechung des Lichtes an den Wellen unscharf, aber mit Blick auf dieses Bild wird klar, dass das Tier beim Tauchen eher einer Schlange gleichen muss als beispielsweise einer Gans. Ganz lang streckt der Taucher sich, und so erklärt sich auch, wieso er blitzschnell, bis zu 200 Meter weit vom Ort der letzten Sichtung entfernt, wieder auftauchen kann.

Als er wieder auftaucht sind wir, offenbar zu seiner Verwunderung, immer noch da. Er schaut uns neugierig, vielleicht auch skeptisch, an und schwimmt dabei wie ein normaler Wasservogel, z.B. eine Ente oder ein Schwan, mit den großen Füssen rudernd weiter.

Auf den nachfolgenden Fotos kann man die grossen kräftigen Beine erkennen, die so weit hinten am Körper sitzen, dass es auf den ersten Blick völlig unnatürlich scheint. Wenn man auf dem rechten Bild sieht wie weit zur Seite die Beine sitzen, erkennt man die Vorteile.

Im Gegensatz zu anderen Vögeln ist hier das Prinzip des Heckantriebs voll ausgeprägt, die Beine können auch zur Seite bewegt werden, wie ein anderes Exemplar – zufällig und unaufgefordert - deutlich demonstriert. Klar wird ebenfalls, warum der Eistaucher nicht laufen kann: Die Beine sind zu weit hinten, und der gesamte Oberkörper dafür zu groß und langgliedrig. Es ist für mich immer wieder interessant zu beobachten wie die verschiedenen Arten spezialisiert sind.

Aber zurück zu unserem Eistaucher auf dem Bach am Rande des Myvatn. Mit dem gewählten Schwimmstil ist er nicht schneller als wir, die wir am steilen Bachufer oben entlang rennen können. Als würde er das merken, stoppt er, posiert etwas und scheint dabei zu überlegen, was jetzt zu tun ist. Wir genießen es, das schöne Tier relativ nah und interaktiv zu erleben. Scheu zeigt er keine, wir schiessen so viele Fotos wie unsere Position eben zulässt und die Fotoapparate mitmachen (auch mit 600 mm muss man die Bilder nachher noch vergrößern, insofern täuschen die Bilder über die wahre Distanz).

 

Das Tier ist entspannt, aber ganz offensichtlich, würde es den Abstand zu uns lieber doch vergrößern als verkleinern, was ihm bislang nicht gelungen ist. Im nächsten Schritt entscheidet er sich, unter unseren verdutzen Blicken für einen, bei Vögeln bislang äusserst selten, wenn überhaupt je zu beobachtenden, Fortbewegungsstil:

Er schwimmt, oder vielleicht klarer ausgedrückt: Er krault! Dabei benutzt er die Flügel so wie wir Menschen beim Kraulen die Arme einsetzen. Ich selber habe so etwas nicht für möglich gehalten, prüfe noch mal die Reihenfolge der Bilder, ob es nicht doch nur das langsame Abtauchen war, das wir hier beobachtet haben. Nein. Es ist eindeutig, er schwimmt mit dem Kopf über Wasser.

Ich nehme an, dass er diesen Schwimmstil wählt, weil er dabei, mit dem Kopf knapp über Wasser, relativ schnell ist und uns dabei im Auge behalten kann. Im weiteren Verlauf wird der Bach breiter und unsere Wege trennen sich.


Beim Fischen

Diese Bilder zeigen ihn beim charakteristischen „Luken“: In diesem Fall ist der Hafen von Raufarhöfn ganz im Nordosten Islands das Fanggebiet des grossen Seetauchers, vor dem Abtauchen zum Fischfang steckt der Eistaucher den Kopf ins Wasser und schaut, ob sich das Tauchen lohnt.

Den Schnabel leicht geöffnet, den Blick auf die Wasseroberfläche gerichtet: Man ahnt, was dem Fisch unter der Wasseroberfläche gleich passieren wird.

Blickkontakt

Die folgenden Aufnahmen zeigen ein Elternteil mit einem jungen Exemplar (wohl im 2. Kalenderjahr, denn in Island ist der Schnee gerade erst geschmolzen, die meisten Küken noch nicht geschlüpft) am frühen Morgen, also deutlich vor unserem Frühstück, im Hafenbecken von Raufarhöfn. Der Blickkontakt wechselt: Ein Foto zeigt einen Blickkontakt zwischen Mutter und Kind (es könnten auch Vater und Sohn sein, da die Tiere gleich gefärbt sind, kann ich Männchen und Weibchen nicht unterscheiden) und auf dem anderen schauen beide in die Kamera.

Auch wenn man den Eistaucher, dösend, vermeintlich mit sich selbst beschäftigt, weit weg vom Ufer entdeckt, sollte man sich nicht täuschen lassen, denn wenn man genau hinschaut, erkennt man oft, dass das Tier keineswegs schläft oder sich selbstvergessen putzt. Es hat ein Auge auf den Betrachter und hält Blickkontakt. Man kann ja nie wissen…

Und ganz offenbar ist er neugierig, denn welchen Grund sollte es sonst haben, wenn er so am Rande der Fluchtdistanz, anscheinend völlig gelangweilt und desinteressiert mit festem heimlichem Blick auf die Beobachterin am Rande des Sees herumdümpelt.

Ich sitze ganz still und warte ab, ob er vielleicht den Sicherheitsabstand verringert und tue nichts. So geht es fast eine Stunde lang.

Sonnenuntergang um Mitternacht am Myvatn

In der Abendstimmung, ganz spät in der isländischen Sommernacht schwimmt der Eistaucher auf dem Myvatn. Wie fast jeden Abend ist er nur für das geübte Auge und nur mit Teleobjektiv, Fernglas oder Spektiv näher zu beobachten.

Ein weiteres Beispiel für die gegenseitige Wahrnehmung zwischen Fotografin und Fotoobjekt ist das Folgende: Fast wirken die ausgebreiteten Flügel als würde vor dem Abtauchen zum Abschied noch mal gegrüsst und als würde er sich noch ein Blick in die Kamera gönnen. Ob er sich tatsächlich aus dem Wasser reckt, um besser sehen zu können oder vielleicht um seine Feder zu ordnen, mag ich nicht beurteilen. Die Gestik erinnert an den Kormoran, der vor dem Start zum Fliegen seine Federn abtropfen lässt, um dann vom Wasser aus aufzufliegen, diese beiden Eistaucher sind jedoch dabei abzutauchen. Wobei das Junge keineswegs noch mal hoch aus dem Wasser schaut, für den Tauchgang ist das Strecken offenbar nicht notwendig.

In [3] sind die verschiedenen Verhaltensmuster aufgeführt und das aufrechte Herausragen aus dem Wasser wird dort nur mit Revierkampf oder Verteidigung in Verbindung gebracht. Ich möchte das mindestens in diesem Fall bezweifeln. Wir sind nicht sehr nahe und wieso sollte diese Geste von uns weg zeigen. Da er den Hafen als sein Revier betrachtet, ist er mit Sicherheit soweit an Menschen gewöhnt, dass sie ihn nicht stören, wenn sie am Kai stehen. Ich stelle mir gern vor, dass er noch mal schaut, ob auch wirklich keiner hinterher kommt. Vielleicht findet er das sogar schade, denn als ich eine Stunde später mit einigen Mitreisenden zurückkomme ist zumindest das Elterntier immer noch praktisch an der Stelle an der ich es zuletzt gesehen habe.

Erst zu hause bei dem Blick auf die Vergrößerung eines weiteren Bildes fällt mir auf, wie gut die Komponenten des Federkleides zu erkennen sind. Besonders markant sind dabei die langen Federn mit dem Schachbettmuster im Schulterbereich, diese  wirken fast wie aufgesetzt. Ein wenig scheint es, als trage das Tier über einem schlichten Kleid aus kurzen Federn eine Federweste.

Einige allgemeine Informationen

Der Eistaucher mit lateinischem Namen Gavia immer wird in Nordamerika Great Northern Diver oder einfach Loon genannt, die Isländer nennen ihn Himbrimi. Er gehört zur Klasse der Vögel und der Familie der Seetaucher.

Eistaucher brüten in Europa auf Island und an den großen, tiefen Seen in Nordamerika sowie in Grönland. Im Winter halten sich die Standvögel Islands auf dem Meer in Küstennähe auf. Sie benötigen klare, fischreiche vorzugsweise tiefe Seen oder Teiche. Da sie zum Auffliegen Anlauf benötigen, kommen kleine Teiche als Nistplatz nicht in Frage. Ihr Nest wird als großer Haufen aus Pflanzenmaterial direkt am Ufer oder auf einer kleinen Insel angelegt, da sie durch ihren für das Tauchen optimierten Körper mit den ganz hinten angesetzten Beinen unfähig sind zu laufen. Dadurch können sie bei Gefahr ins Wasser gleiten und sofort abtauchen.

Die Jungen werden von beiden Eltern gefüttert. Die Paare bleiben oft lebenslang zusammen. Im Winter erscheinen die Eistaucher manchmal als Wintergast an den Küsten der Nordsee, dann aber im Schlichtkleid und schwer zu entdecken.

Die Nahrung des Eistauchers besteht überwiegend aus Fischen. Die jagenden Taucher bleiben bis 3 Minuten unter Wasser und schwimmen tauchend bis 200 Meter weit, sie tauchen dabei bis zu 60 m tief.

Seit 2009 steht er auf der roten Liste der IUCN (International Union for Conservation of Nature and Natural Resources), geführt von der BirdLife International, jedoch unter „least concern“[6].

 

Zu guter Letzt: Eistaucher aus Sicht des Islandbesuchers

Für Beobachtungen vom Eistaucher benötigt man Glück, ein gutes Fernglas, am besten ein Spektiv und natürlich am besten auch gutes helles Wetter. Die besten Chancen, einen Eistaucher zu beobachten, ohne ihn in seinem Lebensraum oder gar seinem Brutgebiet zu stören, bestehen in den Häfen im Nordosten Islands oder am Myvatn. Von den meisten der von mir beobachteten Exemplare war der Aufenthaltsort den Vogelkennern der Gegend bekannt und er dort jeweils ein regelmäßiger Gast.

Seinen charakteristischen Ruf erkennt man, wenn man ihn einmal bewusst gehört hat, immer wieder und dadurch erhöhen sich die Chancen, mitzubekommen, wenn ein Exemplar in der Nähe ist.

Literatur

Da der Eistaucher ein nordamerikanischer Vogel ist, und dort auch beobachtet wird, sind viele der Quellen amerikanische. Sicherlich auch, weil ich Isländisch nur sehr sehr mühsam lesen kann.

[1] Johann Oli Hilmarsson, Isländischer Vogelführer, 2011

[1a] Internetseite mit den isländischen Vögeln: http://www1.nams.is/fuglar/

[2] Naumann, Naturgeschichte der Vögel Mitteleuropas: Band XII, Tafel 13 - Gera, 1903

[3] Paul A. Johnsgard, Diving Birds of North America: Species Accounts Loons (Gaviidae), University of Nebraska-Lincoln, pjohnsga@unlserve.unl.edu

[4] Paul A. Johnsgard, Diving Birds of North America: 1 General Attributes and Evolutionary Relationships, University of Nebraska-Lincoln, pjohnsga@unlserve.unl.edu, 1987

[5] Kyle P. McCarthy, Evaluation of Disturbance Factors and Their Effect on Breeding Common Loons at Lake Umbagog National Wildlife Refuge, New Hampshire and Maine University of Massachusetts - Amherst, kmccarthy@nrc.umass.edu, 2010

[6] BirdLife International (2013) IUCN Red List for birds. Download http://www.birdlife.org (14/12/2013)

 

Die Ausarbeitung aktualisiert einen Abdruck meines Artikels in der Zeitschrift ISLAND im Heft 1/2015.

Seit 1995, erscheint zweimal im Jahr „ISLAND. Zeitschrift der Deutsch-Isländischen Gesellschaft e.V. Köln“ (Verantwortlicher Redakteur: Prof. Dr. Gert Kreutzer)


Eistaucher in den Medien

Eine Nebenrolle spielen die Eistaucher im preisgekrönten Film "Am goldenen See" (Mark Rydell, 1981) mit Henry und Jane Fonda und Katherine Hepburn.